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Seidel Architekten Schubhaftzentrum Vordernberg 6

Schubhaftzentrum Vordernberg

Architekturwettbewerb

Projektbeschreibung

Städtebauliche Situation
Das neue Schubhaftzentrum liegt im Randbereich des Ortes Vordernberg und ist nur von wenigen bestehenden Gebäuden umgeben.
Die östliche Begrenzung durch Straße und Eisenbahn, sowie die westliche durch den Bach spiegeln auch die Hauptrichtung des Tales wieder, in welchem das Schubhaftzentrum liegt. Durch die beiderseits des Tales ansteigenden Hänge besteht eine eingeschränkte Besonnung des Baugebietes.
Der Entwurf berücksichtigt diese Gegebenheiten und projiziert mit seiner Gebäudeform einerseits die Längsorientierung des Tales und andererseits durch seine terrassenförmige Gestalt die umgebenden Berghänge und Hügel und fügt sich durch seine aufgelockerte Gesamtform so in die Umgebung ein, dass die große Baumasse filigran und der Umgebung angemessen ist.           
Die Gebäudehöhe liegt unterhalb der im Auslobungstext genannten Maximalhöhe.
Der Baukörper nutzt das Gefälle innerhalb des Grundstücks optimal aus

Entwurfsgedanken, Grundlagen, Funktionalität, Wirtschaftlichkeit
Grundlagen der Entwurfsidee waren eine optimale Funktionalität ohne sicherheitsrelevante Wegeüberschneidungen zu finden und eine Gebäudeform zu entwickeln, die sich in das bergige Gelände einfügt, aber eine eigene Architektursprache vermittelt. Weiters wurde darauf geachtet die gruppenbezogenen Freiflächen auf den jeweils vorgeordneten Terrassen anzubieten, um auch der eingeschränkten Besonnungszeit des Geländes Rechnung zu tragen.


Der scheibenartige Aufbau des Gebäudes mit jeweils auskragenden Deckenteilen ergibt eine leicht wirkende Gesamtstruktur und ermöglicht eine stimmige Sicherung durch entsprechende Vergitterungen, welche die Geschosse an deren Aussenkanten überspannen. Die Gebäudestruktur bleibt optisch somit im Vordergrund, die vorgesetzte Netzstruktur behindert weder Ein- noch Ausblicke.

Die umlaufende Mauer an Nord-, Ost- und Südseite mit dem im Abstand von 3 m dahinter liegenden Zaun wird an der Nordseite durch die Fahrzeugschleuse sowie die 2 getrennten Zugänge für Besucher bzw. Personal unterbrochen. Lediglich an der Westseite zum Bach erfolgt die Sicherung über 2 Zaunanlagen.
Durch die Netzstruktur, welche das gesamte Gebäude umgibt ist es möglich diese in die Innensicherung (3 m hoher Zaun) übergehen zu lassen.
Dadurch kann das Gebäude nach Osten gerückt werden um die entsprechenden Sport- und Freiflächen nach Westen zu orientieren.

Die Gestaltung der Gebäudeaußenwände kann entweder durch geschosshohe Wand- / Fensterelemente erfolgen oder - sollte dies aus sicherheitstechnischen Gründen nötig sein - auch durch massive Außenwandteile mit entsprechenden Einzelfenstern. Anzustreben wäre jedoch eine geschosshohe Elementbauweise.

Bezüglich der inneren Gestaltung liegen folgende Überlegungen zu Grunde:
1. Optimale Anlieferung der Angehaltenen über die Fahrzeugschleuse, den Manipulationshof zum Haupteingang und dort in die einzelnen übereinanderliegenden Zellentrakte im südlichen Gebäudeteil.
2. Alle übrigen Abteilungen sind im nördlichen Gebäudetrakt untergebracht, wobei über das zentrale Foyer die Bereiche leicht abzutrennen sind. Der große Lichthof am Foyer ermöglicht es auch die unteren Geschosse im zentralen Bereich aufzuhellen und somit eine hohe Erlebensqualität zu bieten.

3. Bezüglich des Sicherheitskonzeptes wurde eine Lösung gefunden, welche sicherheitsrelevante Wegeüberkreuzungen meidet. Die Andienung erfolgt über die Fahrzeugschleuse in den Manipulationshof. Der zentral gelegene Haupteingang ist von diesem direkt zu erreichen. Der in diesem Bereich geplante äußere Lastenaufzug ermöglicht die Andienung der unter- geschossigen Räume.

4. Der Besuchereingang ist vom Personaleingang getrennt, beginnt mit einer Tür in der Außenmauer, führt über einen Steg zum eigentlichen Besucherzugang, an welchem auch der Torposten liegt. Der Steg überbrückt einen Tiefhof als Lichtgraben, der die untergeschossigen Besucherräume belichtet. Der Lichthof erfüllt somit eine weitere sicherheitsrelevante Funktion.

Der Besucher gelangt über die Visite und eine eigene Treppe ins Untergeschoss zu den Besucherräumen. Die Angehaltenen gelangen von ihrem Gebäudeteil durch einen untergeschossigen Längsgang separat zu diesem Bereich.
Um die Barrierefreiheit des Besucherbereiches sicherzustellen kann der entsprechende Be- sucher über den Aufzug im angelagerten Hauptgebäude kontrolliert ins Untergeschoß gefahren werden.

5. Auch im gesamten Besucher- und Torpostenbereich sind die Wege von Insassen / Besuchern einerseits sowie Personal oder externe Berater anderseits getrennt. Dazu dient ein weiterer Zugang in der nördlichen Außenmauer, welcher neben der Fahrzeugschleuse über die Torposten und einen inneren Erschließungsweg zum Hauptgebäude führt.

6. Bezüglich der Wirtschaftlichkeit liegt dem Gebäudekonzept einerseits ein entsprechendes Energiekonzept zu Grunde, anderseits wurde eine Gebäudekonstruktion (Stahlbetonskelett- bauweise) gewählt, die bei überschaubaren Spannweiten und relativ kompakter Bauform vernünftige Investitionskosten erwarten lässt. Die auskragenden Deckenteile der Längsseiten sowie der Terrassen sind von der thermischen Hülle über Schöck-Iso-Körbe abgetrennt, womit die thermische Hülle kompakt gehalten werden kann.

7. Das geforderte Raum- und Funktionsprogramm konnte in allen wesentlichen Teilen eingehalten werden. Zu Gunsten einer hohen Aufenthaltsqualität sind die Verkehrsflächen einschließlich des zentralen Foyers entsprechend hochwertig gestaltet. Die nicht unerheblichen Technikflächen sind im UG untergebracht.

Zusammenfassung der Entwurfsidee: Ein filigranes zukunftorientiertes Gebäudekonzept, welches die innere Nutzung nur erahnen lässt aber dennoch alle sicherheitsrelevanten Aspekte erfüllt und dabei noch die Struktur der umgebenden Landschaft aufnimmt.

Konstruktive und bautechnische Beschreibung

Gebäuderohbau
Stahlbetonskelettbau ggf. mit Fertig- oder Halbfertigteilen auf konstruktive Fundamentbodenplatte, Stahlbetondecken und –dächer wie in den Plänen erkennbar. Geschosshöhen, Raumhöhen, Technikräume laut Plänen, Konstruktionsstärken jeweils nach statischer Bemessung.

Die Länge der Bauzeit kann durch bewährte Technologien (Fertig- /Halbfertigteile, Fassadenelemente etc) optimiert werden. Tragende und nicht tragende Innenwände teils massiv teils in Trockenbauweise jeweils in Ausführung mit erhöhtem Schallschutz.

Das Gebäude ist als Stahlbetonkonstruktion mit aussteifenden Wandscheiben konzipiert. Die Grundrissaufteilung ermöglicht eine Konstruktion mit überwiegend liniengestützen Massivdecken. In weiträumigeren Bereichen gehen diese in punktgestützte Flachdecken mit Stützweiten von ca. 7-8 m über.

Die Ausbildung der Wände erfolgt bei sicherheitstechnischen Anforderungen in Stahlbeton andernfalls in Mauerwerk. Die Anordnung einzelner tragender Wandscheiben ermöglicht eine flexible Grundrissgestaltung.   

Das 2-geschossige Torhaus ist mit einer Dehnfuge vom Hauptgebäude abgetrennt. Das Hauptgebäude selbst wird zur Reduktion von Zwängungen am Übergang zum 4-geschossigen Gebäudeteil und damit ungefähr in Gebäudemitte getrennt.

Variante A:  Das Untergeschoss liegt im Bereich des anstehenden Grundwassers und wird als Weisse oder Braune Wanne ausgebildet. Die Gründung erfolgt mittels elastisch gebetteter Bodenplatte.

Variante B: Das Gründungsniveau liegt oberhalb des Grundwasserspiegels. Die Gründung erfolgt größtenteils mittels Streifenfundamenten und einzelnen Einzelfundamenten.

Gebäudetechnik und Energiebilanz
Das auf den Plänen abgebildete Energiekonzept beschreibt die vorgesehenen Maßnahmen.
Das Gebäude erhält eine hoch wärmegedämmte Außenhaut und soll die ENEV um mind. 30% unterschreiten.

Fassadenreinigungsanlagen sind nicht erforderlich, da die Außenwände geschossweise zugänglich sind und dadurch manuell gereinigt werden können.

Gebäudeausbau
Fassadenkonstruktion wunschgemäß als vorgefertigte Fassadenelemente mit Parapetpaneelen, Sturzpaneelen und notwendigen Fenstern welche farblich gestaltet werden können.
Die Innengestaltung besticht durch großzügig sich aufweitende Flure, welche über den zentralen Lichthof zusätzliche Qualitäten erhält. Dieser Lichthof ist Außenraum und daher entlang seiner Umgrenzung geschosshoch verglast. Eine Bepflanzung des Untergeschosses erhöht die Erlebnisqualität in den einzelnen Zellengeschossen.

Brandschutztechnisch ist das Gebäude beherrschbar. Erste und zweite Fluchtwege sowie nötige Brandabschnitte können jeweils sichergestellt werden.

Ökonomische Gesichtspunkte
Trotz der gewählten Gebäudeform kann durch die entsprechende Bauweise eine adäquate Wirtschaftlichkeit der Investitionskosten erwartet werden. Durch das entsprechende Energiekonzept sind günstige Betriebskosten zu erwarten.

Die gewählte Gebäudeform und Struktur ermöglicht ein hohes Maß an Variabilität und lässt ggf. auch andere Nutzungen zu.